Garten statt Griechenland

Ich bin dann mal weg. Nicht auf Safari irgendwo in Afrika, Shoppen in New York oder Faulenzen am Strand von Mallorca. Ich bin im Garten. Sonne tanken, Blütenduft schnuppern, den Bienen lauschen. Eigentlich ist Reisen mein Beruf: Meist bin ich mindestens zwölf Wochen im Jahr unterwegs, meine Familie schenkt mir zu Weihnachten Rausch unterdrückende Kopfhörer fürs Flugzeug, zum Kofferpacken brauche ich höchstens eine Stunde. Doch die Corona-Pandemie hat meine Welt schrumpfen lassen auf 19 Quadratmeter Rasen, eine Terrasse, ein Blumenbeet und einen Kirschbaum.

Drei Monate lang konnten wir nicht um den Erdball jetten, nicht einmal ins Nachbarland zum Einkaufen oder für ein paar Tage an die Küste fahren. Für mich als Reisejournalistin kam die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amts nicht nur einem Berufsverbot gleich. Mein Job besteht darin, den Menschen mit meinen Reportagen beim Träumen von weit entfernten, exotischen Orten zu helfen – Corona hat jeden Traum im Keim erstickt. Globaler Lockdown, weltweite Rückholaktion aller deutschen Urlauber, Gesundheitsnotstand. Wer wollte schon in Südostasien stranden? In England ins Krankenhaus müssen? Auf den Kanaren in Quarantäne landen?

Gärtnern? Eher ein notwendiges Übel als ein Hobby

Meine kleine Gartenwelt war auf einmal alles, was ging; das höchste der Gefühle. Es gab nicht einmal mehr etwas zu planen – wer wusste schon, wann Schlagbäume wieder hochgehen, Hotels öffnen und Flugzeuge wieder abheben würden. Also saß ich da, auf einem der alten Gartenstühle, denen mal wieder eine Lasur guttäte, und schaute minutenlang einfach nur umher. Ich freute mich über die kleinen Knospen, die sich am jungen Heidelbeerstrauch der Sonne entgegenreckten, bewunderte die Traubenhyazinthen, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz langsam durch den trockenen, rissigen Boden kämpften. Ich zählte die winzigen wilden Erdbeeren, die an den unmöglichsten Orten als knallrote Punkte aus dem Nichts kamen, und sah den Gladiolen buchstäblich beim Wachsen zu, so schnell schossen sie in ihrem Kübel nach oben.

Am Laptop arbeiten, Freunde mit kalten Getränken und Deftigem vom Grill bewirten, hier und da mal ein Buch lesen – so sah bis dahin meine bewährte Schönwetter-Gartenroutine aus. Unkraut jäten, Blumen gießen, Rasen mähen: eher ein notwendiges Übel, als ein Hobby. Hatte ich überhaupt schon mal innegehalten und die kleinen Wunder des Lebens wahrgenommen, die die Natur hier Jahr für Jahr vollzog? Auf einmal konnte ich mir mehr Zeit für all die kleinen großen Dinge nehmen: einfach nur schauen, riechen, lauschen. Mit allen Sinnen genießen – etwas, das ich allein schon wegen der beruflichen Chronistenpflicht auf Reisen immer tat – machte ich Zuhause wirklich bewusst vielleicht zum allerersten Mal. Plötzlich erwachte mein Entdeckergeist direkt vor der Haustür.

Zitronen, Lavendel und Minze holen die Welt nach Hause

Garten statt Griechenland

Nicht immer braucht es fremde Orte, um sich in der Natur zu verlieren.

Ich will nicht behaupten, dass mir der Garten jetzt genug ist, dass mir die weite Welt nicht mehr fehlt. Der glasklare Blick in die Unendlichkeit von einem Fünftausender im Himalaya, der süße Saft einer knallpinken Drachenfrucht auf Bali, das ohrenbetäubende Zirpen und Surren des Dschungels in Kolumbien – ich vermisse das alles. Der bettelarme Fischer aus Sri Lanka, der hartnäckig von seinem eigenen Restaurant träumt, der Wanderführer in Nepal, der die entlegensten Bergdörfer ans Internet anschließt, der israelische Ex-Soldat, der sich für ein friedliches Zusammenleben mit den Palästinensern stark macht: solche Begegnungen erweitern meinen Horizont und helfen mir, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Aber ich habe in dieser Krise gelernt, dass es nicht immer einen fremden Ort braucht, um sich in der Natur zu verlieren, sich selbst zu finden oder schlicht die Seele baumeln zu lassen. Corona hat uns jäh ausgebremst, doch es sind nicht (nur) die äußeren Umstände, die die innere Haltung prägen. Es müssen nicht immer die Wellen am Strand sein, manchmal reicht auch das Rauschen des Windes im Kirschbaum, um in der Hängematte zu träumen.

Und weil wir Orte und Erlebnisse am lebhaftesten über den Geruchssinn erinnern, schmiede ich sicherheitshalber schon einmal Pläne für die nächste Pflanzzeit: ein kleiner Zitronenbaum zaubert die Farbe und den Geruch von Korfu herbei, der Duft von Lavendel holt eine gute Portion Südfrankreich in den Garten und mit ein wenig frischer Minze in der Nase werde ich in Gedanken sofort wieder über den großen Markt in Tel Aviv schlendern.

Schon jetzt sind Reisen innerhalb Europas wieder möglich, der Rest der Welt wird früher oder später folgen. Das ist schön! Ich freue mich darauf, wieder unterwegs zu sein. Aber wenn ich in den nächsten Monaten gerade nicht auf Reisen bin, dann bin ich wohl wieder weg – in meinem Garten.