Er ist wohl der romantischste aller Garten-Stile. Üppig soll er sein, farbenprächtig und duftend. Eine Wohltat für die Sinne. Und ein Paradies für Bienen und andere nützliche Insekten. Der Cottage Garten.
Er besticht durch seine strukturierte Wildheit, aber dennoch mit durchdachtem Konzept. Nur sollte man ihm weder die Planung noch die Arbeit ansehen, wobei dieser dankbare Gartenstil verhältnismäßig wenig Pflege braucht.
Wir haben uns mit Sarah von My Cottage Garden unterhalten, was einen Cottage Garten ausmacht, wieviel Zeit er in Anspruch nimmt und warum er so glücklich macht.
Birte: Sarah, was ist denn eigentlich ein Cottage Garten?
Sarah: Was wir heute mit Blütenfülle und Rosenbögen, charmanter Lässigkeit und Nonchalance verbinden, hatte ursprünglich eine andere Bedeutung – nämlich hungrige Bäuche zu füllen. Von der britischen Arbeiterschicht oft auf kleinstem Raum angelegt, bepflanzt und gehegt, um die größtmögliche Ernte einzubringen. Da ging es nicht um „Outdoor Living“, sondern schlichtweg ums Überleben. Und der dekorative Aspekt von Blumen und Grün stand nicht im Vordergrund. Vielmehr hatten die Blumen in erster Linie die Aufgabe, Bienen und andere Nützlinge anzulocken oder als Heilpflanzen Krankheiten zu bekämpfen.
Birte: Wie sah er aus?
Sarah: Das Konzept war einfach und zweckmäßig. Kein ausgefallenes Design, die Auswahl der Pflanzen blieb fast immer gleich, sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben – oder von Nachbar zu Nachbar. Erst als das Bürgertum und ambitionierte Künstler aus der Stadt das Landleben und damit den Cottage Garten für sich entdeckten, wurde aus dem Selbstversorgergarten ein ländliches Idyll mit seinem unverwechselbaren Flair.
Birte: Und heute?
Sarah: In unserer immer schneller werdenden, digitalen Welt erfüllt er unsere Sehnsucht nach einfachem Leben. Ehrliche Arbeit mit eigenen Händen, Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, der Wunsch nach Ursprünglichkeit. Ein ruhiger Rückzugsort. Heute findet wir Cottage Gärten nicht mehr nur auf dem Land. Auch in Städten, in Innenhöfen, auf Dachterrassen oder auf dem kleinen Streifen Grün eines Reihenhauses im Vorort schenkt er uns bunte und duftende Momente des Glücks. Ein besonderer Luxus.
Birte: Auch wenn es nach „organisiertem Durcheinander“ aussieht, braucht er doch bestimmt viel Pflege. Wieviel Zeit verbringst Du im Garten?
Sarah: Ich verbringe in erster Linie Zeit im Garten, um ihn zu genießen. Und das kann durchaus im Liegestuhl beim Nichtstun sein. Ich behaupte, wenn man die richtigen Pflanzen wählt und sich auch an einem Kleeblatt im Beet nicht sofort stört, braucht der Cottage Garten weniger Arbeit als ein gepflegter Rasen.
Ich habe drei Kinder, einen Job und einen Haushalt, mein Garten darf (!) gar nicht viel Arbeit machen. Und ich möchte mir auf keinen Fall zusätzlichen Stress machen, weil auf meiner To-Do-Liste noch „Garten“ abgehakt werden muss. Irgendwann habe ich verstanden, dass man im Garten nie fertig ist – das hat mich ungemein entspannt. Und das Gute am Cottage Garten: Erst wenn er ein bisschen unordentlich aussieht, ist er genau richtig.
Birte: Warum sieht man in Deutschland so selten Cottage Gärten? Passt die deutsche Architektur nicht dazu?
Sarah: Ich finde, der Cottage Garten steht jedem Haus. Ob historisches Fachwerkhaus, Bauernhof, Neubau-Reihenhaus oder moderne architektonische Schöpfung, der Cottage Garten hat sich als guter Partner bewiesen und in vielen Fällen das Haus geadelt. Ich glaube, oft ist es die Sorge, dass viele Blumen viel Arbeit machen. Oder die falsche Annahme, man hätte keinen grünen Daumen. Ich bin direkt neben dem Hofbräuhaus in München aufgewachsen, ohne Garten, nicht mal ein Balkon. Man kann also nicht sagen, dass mir diese Liebe in die Wiege gelegt wurde. Aber mit Herzblut, viel Leidenschaft und Spaß habe ich mir meine kleine Oase geschaffen.Das Schönste für mich ist es, morgens barfuß durch den Tau zu gehen und das Gefühl zu haben, durch einen riesigen, duftenden Blumenstrauß zu laufen.
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